Europäische Literaturtage 09 auf Schloss Hainfeld
Vom 9. bis 11. Oktober 2009 war Schloss Hainfeld im südlichen Österreich zum Zentrum der europäischen Literatur.

Mit den erstmals organisierten Europäischen Literaturtagen wird der Kerngedanke von Readme.cc, der länderübergreifende literarische Austausch, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
In einem einzigartigen Ambiente treffen sich Autoren, Muasiker, Wissenschafter, Journalisten und Kulturverantwortliche zum Dialog.
In Kooperation mit der Europäischen Kommission werden drei der Preisträger des 2009 zum ersten Mal vergebenen Literaturpreises der Europäischen Union vorgestellt.
Die Europäischen Literaturtage in Schloss Hainfeld sollen jährlich stattfinden.
Themen 2009
- 1 Fördert Literatur die Völkerverständigung?
- 2 Gibt es eine europäische Literatur?
- 3 Wird das Internet 2020 das Buch ersetzen?
Fördert Literatur die Völkerverständigung?
Bei der feierlichen Sitzung der Akademie der Wissenschaften am 29. Mai 1852 hielt Joseph von Hammer-Purgstall einen Vortrag über „Die Vielsprachigkeit als staatstragende Tugend“. Der Hintergrund seiner damaligen Argumentation wird in heutigen Diskursen gerne als „hybride Kultur“ bezeichnet. Hammer-Purgstall erkannte früh, dass die kulturellen Differenzen im Grunde den eigentlichen Reichtum des österreichisch-ungarischen Staatsgebildes ausmachten und vorallem die gelebte Mehrsprachigkeit demnach eine produktive Kultur der Mehrfachidentitäten begründete. Der Prozess der Vermischung bringe vielfältige neue kulturelle Formen hervor und bilde so die Brücke zu einem gemeinsamen Verständnis.
Weil wissenschaftliche Analyse und literarische Ästhetik in der hybriden Kultur Hand in Hand gehen, rückte Hammer-Purgstall die Übersetzung ins Zentrum seiner kulturpolitischen Überlegungen. Insbesondere seine Übertragung des „Diwan“ von Muhammad Schams ad-Din Hafiz aus dem Persischen ins Deutsche inspirierte seinen Zeitgenossen Johann Wolfgang von Goethe zu dessen Gedichtsammlung Der „West-Östliche Diwan“.
Goethe war begeistert von der Idee einer Weltliteratur und glaubte an die Möglichkeit, dass Literatur den Dialog der Kulturen nachhaltig fördert. Mit seinem „Westöstlichen Diwan“ wollte er Okzident und Orient „in einer überaus kultivierten Weise zusammenzuführen. Die einzelnen Gedichte verströmen Optimismus und Hoffnung und fordern auf zu Brüderlichkeit zwischen den Nationen und Völkern“. Goethe war überzeugt, dass große literarische Werke über Landesgrenzen hinaus wirken und so zum Eigentum der gesamten Menschheit werden. Weltliteratur meinte mithin auch die Neugierde an anderen literarischen Kulturen, um die eigene zu bereichern und Gemeinsamkeiten zu entdecken.
Lässt sich dieses Modell einer Weltliteratur heute noch sinnvoll denken? Goethe stellte seine Überlegungen vor beinahe 200 Jahren an. In der Zwischenzeit ist die Welt größer geworden und verkehrstechnisch zusammen gewachsen. Wie lassen sich Kulturen in einer durch Medien dynamisierten Welt in Hinsicht auf ihre Authentizität übersetzen? Wie kommunizieren verschiedene Kulturen ihre Literatur? Welche Zugänge durch verschiedene kulturelle Hintergründe wie Text, Bild und Musik, oder schriftliche und orale Tradition müssen mitbedacht werden? Und werden unsere Vorstellungen heute nicht viel eher von der Vision eines globalisierten Marktes dominiert, in welchem alle Kulturen unter ökonomischen Prämissen miteinander verschmelzen und in einer vereinheitlichten Weltsprache kommunizieren?
Angesichts dieser Herausforderungen wäre es fahrlässig, der Literatur allein die Aufgabe der Völkerverständigung aufzubürden. Weil ihr Medium aber die Sprache ist, führen die Wege der interkulturellen Verständigung nicht an ihr vorüber. Darin liegt eine ihrer Chancen. Joseph von Hammer-Purgstall hätte sie zu nutzen gewusst.
Gibt es eine europäische Literatur?
Wirft man einen Blick auf Studienangebote, die explizit von der Vermittlung europäischer Literatur sprechen, fallen zwei Aspekte besonders auf. Erstens ist viel die Rede davon, dass Literaturen der verschiedensten Sprachen zu kennen sind; zweitens wird gerne die europaweite Vernetzung der Verlags-, Medien- und Archivlandschaft propagiert.
In Abgrenzung einer bis ins 18. Jahrhundert höfisch orientierten Dichtung entstand im bürgerlichen Zeitalter - mit Herausbildung von Nationen - der Begriff der Nationalliteratur, die in den letzten 200 Jahren die literarischen Institutionen in Europa nachhaltig geprägt hat. Inzwischen sind aber Veränderungen feststellbar: Mit der Vergrößerung der Europäischen Union und den damit verbundenen Bemühungen um eine kulturelle Integration entstehen zum einen in ganz Europa sprachüberschreitende Institutionen, die vermittelnd zwischen den nationalen Literaturen und Literaturbetrieben auftreten. Zum anderen beschleunigt die digitale und medientechnische Revolution der Gegenwart nicht nur den geographischen Transfer von Autoren und ihren Werken. Der hermetische Charakter von Literatur insgesamt wird einer Prüfung unterzogen, indem die Literatur im Internet an eine breitest mögliche Öffentlichkeit tritt.
Gerade auf dem europäischen Kontinent sind deshalb widerstrebende Prozesse bemerkbar. Europa wächst zusammen und bildet in zunehmendem Maße eine politische und ökonomische Einheit, der teilweise auch kulturelle Gemeinsamkeiten entsprechen. Dem stehen rund 50 Länder mit ebensovielen Sprachen und ihrem nationalen Stolz gegenüber. Besonders in jenen Staaten, die erst in jüngster Zeit ihre Unabhängigkeit erlangt haben, ist die eigene Sprache ein wichtiger Faktor des Nationalgefühls.
Diese Widersprüche werden global von einer anglo-amerikanisch dominierten Kulturindustrie begleitet, die einen normativen Begriff von Weltliteratur forciert. Literatur wird in standardisierte Einheiten abgepackt. Nur was sich leicht übersetzen und global verstehen lässt, kann auf dem Buchmarkt gewinnbringend verkauft werden.
In diesem Kräftespiel wird die Idee einer europäischen Literatur hin und her gerissen. Deshalb kann das Ideal einer Einheit nur in der Diversität verwirklicht werden – in der Idee einer europäischen Literatur, die sich erklärtermaßen an der Vielfalt und Verschiedenheit der Literaturen in Europa festmachen lässt, sowie am ästhetischen und individuellen Eigensinn der Autoren. Darin könnte eine Alternative zum synthetischen Schriftsteller des anglo-amerikanischen Kulturraumes entstehen. Einzig die „Nationalliteratur“ wird verschwinden müssen, denn wenn Übersetzung der Leitbegriff einer europäischen Literatur ist – wie wäre dann der abgrenzende Begriff der Nationalliteratur noch verstehbar?
Die Zukunft des Buches
Wird das Internet 2020 das Buch ersetzen?
Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Michail Gorbatschows legendäres Diktum droht auch dem Buch und dem Literaturbetrieb. Der Internetriese Google hat jüngst machtvoll demonstriert, mit welchen Mitteln um die Herrschaft über Wissen und Content gefochten wird. Demgegenüber scheinen Verleger, Autoren und Kulturpolitiker zurzeit bloß dazu verdammt, zu reagieren und die bisherige Ordnung zu schützen.
Wie immer dieses Seilziehen ausfällt, ist es nicht länger leugnen, dass die Informationstechnologie auch den Literaturbetrieb nachhaltig beeinflusst. Die kulturellen Austauschprozesse werden durch das Internet rasant verändert. Die digitalen Medien bringen hybride Formen hervor, etablieren neue Distributionswege und verlangen nach frischen kulturellen Kompetenzen. Noch sind Literatur und Buchkultur davon weniger dramatisch betroffen als etwa die Musik. Die Lektüre eines Romans erscheint weniger kompatibel mit dem neuen Medienkonsum als das Hören von Musik. Doch dieser Schein könnte trügen. Das Internet bietet den Usern bereits ganze Bibliotheken zur Lektüre an, und e-Books sind dafür geeignet, auf kleinen Geräten unterwegs gelesen zu werden.
Allmählich aber stetig verschiebt sich der Fokus vom Papier ins digitale Feld, von den Büchern auf die Monitore, von den Bibliotheken ins Internet, vom Nationalen in die globale Blogosphäre. Plattformen übernehmen Verlagsfunktionen, in den Book on Demand-Datenbanken steckt das neue Bücher-Verteilzentrum. Damit verändern sich auch ganze Berufsbilder.
Kann die Literatur solche Verschiebungen unbeschadet überstehen? Droht die ehrwürdige, tausend Jahre alte Buchkultur einfach hinweg digitalisiert zu werden? Wie lässt sich Qualität in einem Medium gewährleisten, das sich durch seine flache Hierarchie und seine Zerstreuung auszeichnet? Andererseits eröffnet die Digitalisierung zweifelsfrei auch neue Freiheiten und noch ungenutzte Chancen, mit denen sich die Literatur den herrschenden ökonomischen Zwängen zu entziehen vermag.
Noch sind die künftigen Auswirkungen der Digitalisierung für die Literatur sowie Lese- und Buchkultur erst in Umrissen erahnbar. Was aber sicher scheint, ist die Unumkehrbarkeit der aktuellen Entwicklungen. Vieles von dem, was den Lesern und Leserinnen heute noch als Zumutung gilt, wird in zehn Jahren selbstverständlich geworden sein. Deshalb genügt der erschreckte Ausruf „Hilfe, eine Maus!“ nicht, um die Zukunft in Angriff zu nehmen. Vielmehr gilt es, intensiv darüber nachzudenken, welche Werte und Qualitäten im Namen der Literatur unbedingt bewahrt, gespeichert werden sollen.



















