Europäische Literaturtage 2010
Vom 23. bis 26. Septemer 2010 wird die Wachau im nördlichen Österreich zum Zentrum der europäischen Literatur.

Mit den Europäischen Literaturtagen wird der Kerngedanke von readme.cc, der länderübergreifende literarische Austausch, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
In einem einzigartigen Ambiente treffen sich Autoren, Musiker, Wissenschafter, Journalisten und Kulturverantwortliche zum Dialog.
Die Europäischen Literaturtage finden zum zweiten Mal statt. Die Europäischen Literaturtage 2010 stehen unter dem Ehrenschutz des Landeshauptmannes von Niederösterreich Dr. Erwin Pröll.
Das literarische Tagebuch von Finn-Ole Heinrich
The Independent Blog by C J Schuler (englisch)
Themen 2010
- 1 Was bedeuten nationale Grenzen für das literarische Schreiben?
- 2 Wie finden Literaturen über die Sprachgrenzen hinweg zueinander?
- 3 Wohin entwickelt sich der europäische Literaturbetrieb?
- 4 Welche Form hat das Buch der Zukunft?
Was bedeuten nationale Grenzen für das literarische Schreiben
„Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit, und jeder muss jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen.“ Die berühmte Notiz Goethes aus den Gesprächen mit Eckermann animierte den französischen Autor Mathias Enard bei den Europäischen Literaturtagen 2009 zur Aussage, dass das imaginäre Europa, wie es im politischen Kontext erscheint, wesentlich auch das Ergebnis der Literatur und der Intellektuellen sei. Literatur, so Enard, helfe uns, unsere Identität, unseren Namen, unsere Position auf der Erde als etwas zu überdenken, das in ständiger Bewegung ist. Er bezieht sich dabei auf eine Erzählung eines syrischen Grafomanen aus dem 19. Jahrhundert, der die Frage, woher er komme und wer er sei, auf eine grandios frivole Weise zerstreute: „Ich bin nur das, was man sagt, und somit nichts anderes als Worte in der Luft.“
Goethe war überzeugt, dass große literarische Werke über Landesgrenzen hinaus wirken und so zum Eigentum der gesamten Menschheit werden. Weltliteratur meinte in seinem Sinn auch die Neugierde an anderen literarischen Kulturen, um die eigene zu bereichern und Gemeinsamkeiten zu entdecken.
Insbesondere für Literaturschaffende aus kleinen Ländern und Sprachen ist es von höchstem Interesse, wenn ihre Bücher über die Grenzen hinaus übersetzt und verkauft werden. Eingedenk auch des ökonomischen Faktors sind literarische Übersetzungen heute ein wichtiges Element, das generell den europäischen Kulturaustausch fördert und den Literaturschaffenden individuell zu mehr Resonanz verhilft. Damit stellt sich für die Europäischen Literaturtage 2010 die Frage, wie sehr dieser Aspekt der Grenzüberschreitung das Schreiben selbst mit beeinflusst.
Literatur will gelesen werden, will einen Raum für Auseinandersetzungen schaffen – gerade auch über die Grenzen hinweg. „Wir Europäer sollten und müssen nicht gleich denken, gleich fühlen oder an das Gleiche glauben“, schrieb der slowenische Dichter Ales Šteger: „Es wäre aber sehr wichtig, dass wir einen kleinen Teil unserer Träume teilen könnten.“ Haben Autoren diesen utopischen Ort des Austauschs mit im Kopf, wenn sie schreiben? Oder konzentriert sich ihre Arbeit ganz aufs eigene Denken und Fühlen – in der Hoffnung, es möge so weitere Kreise ziehen? Eines scheint aber auf jeden Fall gewiss, wie auch Šteger bemerkte: Die utopischen Projektionen, die verschiedenenorts angestellt werden, sind „eine der stärksten kohäsiven Kräfte Europas“.
Daran arbeitet die Literatur maßgeblich mit.
Wie finden Literaturen über die Sprachgrenzen hinweg zueinander?
Literatur ist – abgesehen vom alljährlichen Hype um den neuen Nobelpreisträger – immer noch eine nationale Agenda, der beschränkte Aufmerksamkeit in ihrer jeweiligen Provinz zuteil wird. So lautete eine These des Literaturwissenschaftlers Jürgen Ritte bei den Europäischen Literaturtagen 2009. Entsprechend unterscheiden wir eine deutsche, eine französische, eine italienische Literatur voneinander. In mehrsprachigen Ländern – beispielsweise der Schweiz oder Belgien – führt diese strikte Trennung allerdings zu erheblichen Konfusionen. Eine belgische Literatur existiert nicht, und umgekehrt genießt die Literatur der französischen Schweiz in Paris keinerlei Bedeutung. Sprachen setzen Grenzen, die üblicherweise auch politisch instrumentiert und armiert werden. Literatur und Bücher kommen darüber nicht leicht hinweg, ungeachtet des fleißigen Übersetzens. Sprachen begegnen sich in Europa entweder Rücken an Rücken – oder als Opponenten im babylonischen Verhandlungstumult von Brüssel.
Die Frage nach einer „europäischen Literatur“ steht trotzdem und erst recht im Raum – als Derivat nämlich der Frage nach einer europäischen Identität, nach den gemeinsamen Werten und Wurzeln der europäischen Kultur. Mit der Erfahrung von zwei Weltkriegen, zog Jürgen Ritte 2009 den Schluss, befinde sich die Literatur in steter Migrationsbewegung. Bücher seien ohnehin in einer Fremdsprache geschrieben, folglich gebe es ein geheimes Substrat der europäischen Literatur: die Fremdheit und Fremdsprachlichkeit, die als verbindendes Element im Bewusstsein zu halten sei.
Ausgehend von dieser Prämisse stellen die Europäischen Literaturtage 2010 die Frage, wie die sprachnationalen Literaturen in Europa zueinander finden können – in Form einer produktiven, spannenden Auseinandersetzung über die eigenen Gemeinsamkeiten. Es geht dabei um die Vision eines mehrsprachigen Kulturraums, in dem nationale Literaturen gepflegt und aufgehoben werden. Viele Autorinnen und Autoren arbeiten längst daran, indem sie – oft selbst Migrierende – ihre fremdsprachigen Kompetenzen nutzen, indem sie mehrsprachig schreiben oder übersetzend zwischen den Sprachen vermitteln.
Während die administrative und ökonomische Union in Europa weit fortgeschritten ist, bleibt der europäische Kulturraum weiterhin stark fragmentiert. 50 Länder mit ebenso vielen Sprachen und ihrem nationalen Stolz stehen sich gegenüber. Wie wäre angesichts dessen die Idee einer europäischen Literatur zu vermitteln, die sich an der Vielfalt und Verschiedenheit der Literaturen in Europa festmacht, sowie am ästhetischen und individuellen Eigensinn seiner Autoren? Wenn Übersetzung der Leitbegriff einer europäischen Literatur ist, wie lässt sich dann das Besondere der einzelnen Literaturen bewahren? Ist etwas wie ein europäischer Literaturbetrieb tatsächlich vorstellbar? Wie könnte seine Praxis aussehen?
Wohin entwickelt sich der europäische Literaturbetrieb?
Auf nationaler Ebene ebenso wie auf anderer Ebene durch die Europäische Kommission wird die Übersetzung und Vermittlung von Literatur auf mannigfachste Weise gefördert. Auf nationaler Ebene geschieht im sprachnationalen Interesse, weil so den eigenen Autoren die Tür zum internationalen Markt geöffnet werden kann (Übersetzungsbeiträge, Lesereisen); auf europäischer Ebene steht das Bemühen dahinter, das Bewusstsein für die Sprachenvielfalt Europas und somit auch für das kulturelle Gebilde Europa zu stärken. Neben den Übersetzerprogrammen verfolgt vor allem der 2009 ins Leben gerufene Literaturpreis der Europäischen Union diese Absicht: Er wird nicht an einen Autor pro Jahr verliehen, sondern jährlich an 12 Autoren aus 12 verschiedenen Ländern, die jeweils von nationalen Jurys ausgewählt werden.
Kann ein solches Konzept indes funktionieren? Fokussierung und Zersplitterung bilden die beiden Pole, zwischen denen dieser Preis schwankt. Die Einheit des Heterogenen ist in der öffentlichen Wahrnehmung nur schwer zu vermitteln.
Dies gilt auch für andere Instrumente der literarischen Förderung. Es stellen sich Fragen. Wie wäre eine europäische Föderung mit den nationalen Förderungspolitiken in Zusammenklang zu bringen? Ist das europäische Übersetzungsprogramm genügend praxisnah konzipiert? Wie müssten die Initiativen der Europäischen Kommission beschaffen sein, damit sie (noch) mehr Resonanz erzielen – gerade auch innerhalb des Kulturbetriebs / der Kulturbetriebe selbst?
Und grundsätzlicher: Was bedeutet nationale Förderung in einem beinahe grenzenlosen Europa? Fördert sie die Vielfalt oder trägt sie zur Provinzialisierung bei? Ist es nicht längst Zeit für eine DOHA-Entwicklungs-Agenda im Literaturbertrieb – eine multilaterale Literatur-verhandlungsrunde im Rahmen der Europäischen Union?
Darüber ist zu diskutieren, nicht um definitive Antworten zu erhalten, sondern vorerst das Meinungsspekturm auszuloten und daraus Tendenzen herauszuhören, die in eine Zukunft weisen könnten, worin Nation und Union nebst dem Trennenden auch das kulturelle Einigende sehen.
Welche Form hat das Buch der Zukunft?
Im platonischen „Phaidros“-Dialog verdammt Sokrates die Erfindung der Schrift, weil sie den Menschen „Vergessenheit einflößen [wird] aus Vernachlässigung der Erinnerung“. Anlässlich der Europäischen Literaturtage 2009 zeigte der Journalist und Medientheoretiker Rüdiger Wischenbart, wie seit dieser Prophezeiung vor zweieinhalb Jahrtausenden jeder medientechnologische Bruch von einer heißen, wenn auch stets verblüffend ähnlich verlaufenden Debatte um den Verlust kultureller Werte begleitet wird. Das Neue löst das Alte ab. An dieser gefestigten Sicht ändert auch die Tatsache nichts, dass neue Medien die alten Medien stets nur ergänzen und erweitern.
Ein zweites Muster demonstriert der mediale Transformationsprozess von der Druckerpresse über Telegraphie und Radio / Fernsehen bis hin zum Internet: Das Medium bindet Hörer und Seher immer stärker mit ein. Das festgefügte, auktoriell beglaubigte Kulturangebot von einst wandelt sich zum individuell angepassten, veränderbaren Repertoire von omnipräsent verfügbaren Werken. Alle Wege führen heute ins World Wide Web – auch jene der Gutenberg-Galaxis. Weil diese Verlagerung längst im Gange ist, stellen sich neue Fragen, die bei den Europäischen Literaturtagen 2010 gestellt werden sollen. Was zeichnet das Buch als Medienformat aus? Wie wird es durch die digitalen Technologien verändert? Mit welchen tiefer greifenden Umwälzungen ist das Buch konfrontiert?
Bereits sichtbar ist der dramatische Wandel in der symbolischen wie wirtschaftlichen Bewertung von Autorschaft und Büchern. Indem letztere für die Konsumenten frei verfügbar werden, auch was Form und Inhalt anbelangt, werden sie zum flüchtigen Medienformat, das gänzlich neue Nutzungsformen erlaubt. Was aber bleibt daran noch Buch? Wie sieht konkret das e-Book der Zukunft aus, das heute erst wenig mehr als eine digitale Reminiszenz an die traditionelle Buchform ist? Erhält das Buch haptische Fähigkeiten, eröffnen sich neue kooperative Lesedimensionen?
Das Nachdenken über die Zukunft der literarischen Präsentationsformen ist mehr als bloßes Spiel. Es geht darum, die Anforderungen der literarischen Produktion mit den neu geweckten Bedürfnissen der Rezeption in Einklang zu bringen, um jenen Mehrwert zu schaffen, der beide Seiten anspornt. Das Buch wird dabei wohl kaum ersetzt werden. Es stellt ein seit Jahrhunderten hoch optimiertes Medium dar. Aber neue Technologien schaffen neue Räume für neue Nutzungen. Dabei gilt es zu bedenken, dass die gängige Debatte über die Zukunft des elektronischen Buches meist nur von der gegenwärtig verfügbaren Hardware ausgeht, die uns in einigen Jahren als vorsintflutlich vorkommen wird. Dabei konzipieren die Entwickler bereits Geräte, an die wir heute noch gar nicht denken. Es könnte also gut sein, dass Lesen dereinst nicht mehr „Lesen“ heißt. Im besten Fall werden die alten Qualitäten dennoch bewahrt und zugleich neue literarische Kräfte entfesselt.



















